1.2 Ästhetisches Empfinden

Wir wissen heute, dass das Vernachlässigen der ästhetischen Bedürfnisse schwerwiegende Folgen haben kann, dass es uns schwächt und sogar krank machen kann. Eine verstärkte Aufmerksamkeit für diese Bedürfnisse kann dagegen sehr viel Positives bewirken.
Dazu ein durchaus bemerkenswertes Beispiel: Eine spezielle Resozialisierungsinitiative in den USA, die sich um die gesellschaftliche Wiedereingliederung ehemaliger Strafgefangener bemühte, erreichte im gesamtamerikanischen Vergleich die besten Ergebnisse – durch Konzentration auf das Ästhetische. Man erzielte die niedrigste Rückfallquote in erneute Kriminalität, indem vor allem die ästhetischen Rahmenbedingungen der Klientel beachtet wurden – gutes Essen, gute Kleidung, eine schöne Möblierung der Wohnungen, rundherum positive Erfahrungen sowohl im Lebenskomfort als auch im Outfit der Exgefangenen. Diese Initiative brachte herausragende Resozialisierungsergebnisse und bekam viele Preise und Auszeichnungen. Es tut uns einfach gut, wenn wir uns in Rahmenbedingungen bewegen, die wir als angenehm empfinden, die unserem Geschmack entsprechen.

Die Fähigkeit zum ästhetischen Empfinden bedeutet, dass wir in der Lage sind, eine Fülle von Wahrnehmungen zueinander in Beziehung zu bringen und sie im Idealfall in ihrer Gesamtheit als stimmig zu empfinden. Mit dieser Fähigkeit gestalten wir unsere Wohnungen, und wir setzen sie ein, wenn wir gute Freunde zu einem schönen Essen zu uns nach Hause einladen. Mit ästhetischem Empfinden hören wir ein Orgelkonzert in einem mittelalterlichen Dom, und der Parfümeur kreiert aus einer Vielzahl von unterschiedlichsten Komponenten seinen neuen Duft.
Wenn wir im allgemeinen Sprachgebrauch davon reden, dass ein Mensch es in seinem Tätigkeitsgebiet zu wahrer Meisterschaft gebracht hat, dann meinen wir damit, dass er diesen Bereich in seiner Gesamtheit überblickt, dass er mit hohem ästhetischen Empfinden zu handeln vermag. Und wir können selbstverständlich davon ausgehen, dass er dort auch Liebe zum Detail empfindet.
Ästhetisches Empfinden bedeutet, zu spüren, wie die Dinge zueinander passen, was in den Vordergrund gehört und was in den Hintergrund, was die Aufmerksamkeit erlangen und was dagegen nur am Rande erscheinen sollte, was ein guter Anfang ist und was ein gutes Ende. Es ist der Sinn für die Verhältnismäßigkeit der Dinge.
Im Internetlexikon Wikipedia finden wir dazu: „Die Alltagssprache verwendet den Ausdruck ›ästhetisch‹ oft als Synonym für ›schön, geschmackvoll, ansprechend‹. In der Wissenschaft dagegen bezeichnet der Ausdruck die gesamte Kategorie von Eigenschaften, die darüber entscheiden, wie wir Objekte wahrnehmen, auch und insbesondere, ob wir sie als schön oder hässlich empfinden.“

Wir werden mit dieser Empfindung zum Beispiel die Funktionsfähigkeit unterschiedlicher Gruppen bewerten. Wenn wir mehrere Teams vergleichen, in denen wir sportlich aktiv waren oder beruflich gearbeitet haben, können wir sagen, in welchem Team es am stimmigsten war, wo beispielsweise gegenseitiger Respekt, die jedem Einzelnen zugebilligte Freiheit, die Klarheit, mit der über Grenzen geredet werden konnte, und die Fürsorglichkeit, die füreinander in Notsituationen vorhanden war, am ehesten ausgewogen waren.
Ästhetisches Empfinden setzt ein waches Beobachten der Situation voraus, es schließt alle Sinne mit ein und ist ein subjektives Empfinden. Wegen seiner Subjektivität fällt es dem Menschen leichter, ästhetisches Empfinden dort zu verwirklichen, wo andere nicht hineinreden. Es ist im Kleinen leichter umzusetzen als im Großen, im Privaten leichter als im Beruflichen, im Häuslichen leichter als im öffentlichen Leben, in der Familie leichter als in der Weltpolitik. Ästhetisches Empfinden ist Voraussetzung, um zu wissen, wo man den Hebel am besten ansetzt.
Aber es beschert uns auch unangenehme Gefühle. Manchmal erleben wir, dass viel Aufwand betrieben wird, um einen Teilbereich eines Themas ästhetisch aufzumöbeln, obwohl daneben etwas liegt, das nicht in der richtigen Verhältnismäßigkeit steht – zumindest nicht zu dem, was gerade in schönsten Anschein gebracht werden soll. Dieses störende Empfinden haben wir manchmal beim Betrachten großer Zusammenhänge, beispielsweise solcher, die mit dem globalen Zusammenwachsen oder mit der Ökologie zu tun haben, aber auch im Kleinen, im Privaten, im menschlichen Miteinander. Auch das entstehende Missgefühl, wenn auf einer Seite Dinge ästhetisch poliert werden, während anderes daneben deutlich vernachlässigt bleibt, kommt aus unserer Fähigkeit zum ästhetischen Empfinden.
Dort, wo wir uns mit diesem Empfinden wohlfühlen, sind wir wacher, aufnahmebereiter und leistungsfähiger. Voraussetzung dazu ist eine gewisse Freiheit. Zwänge setzen diesem Empfinden ihre Grenzen. Sachzwänge, Termindruck und Zeitknappheit, starre Hierarchiestrukturen und Bürokratie können unseren Sinn für die Verhältnismäßigkeit der Dinge außer Kraft setzen.

Entgegen dem allgemeinen Sprachgebrauch, der diese Fähigkeit als ein festes und unveränderliches Ausstattungsmerkmal einzelner Menschen definiert und damit Personen mit höherem von solchen mit niedrigerem ästhetischem Empfinden unterscheidet, werden wir feststellen, dass jeder mit diesem Potenzial ausgestattet ist. Allerdings wird es unter Stress gewaltig reduziert. In einem überforderten Zustand regiert oft nur noch die Kosten-Nutzen-Rechnung, und wir hören andere und uns selbst sagen: „Das geht jetzt nicht anders, das muss so sein, das können wir uns anders nicht leisten.“ Irgendwie schwingt in diesen Aussagen etwas mit, das nicht direkt ausgesprochen wird: „Auch wenn es dir nicht passt, auch wenn es deinem Empfinden widerspricht, auch wenn du dies als unpassend und irgendwie unästhetisch empfindest … es wird so gemacht!“
Keine Frage, es gibt solche Zwänge. Oft sind sie begründet, manchmal aber auch nicht. Sie können zum Beispiel auftreten, wenn im Miteinander jeder Mensch nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit sieht und die Zeit nicht vorhanden ist, sich ausreichend auszutauschen – ausreichend, um ein gemeinsames und umfassendes Bild von der Wirklichkeit zu erzeugen.

Für die Selbstorganisation ist die Fähigkeit zu ästhetischem Empfinden eine Schlüsselfunktion. Den Sinn für die Verhältnismäßigkeit der Dinge wecken und stabilisieren zu können und ihn wiederherzustellen, wenn er einmal verloren ging, ist ein elementarer Bestandteil des eigenen Verantwortungsbereiches. Die Grundlage dafür liegt in unserem Körper, in unserer Biologie gegründet.
Wir werden uns im Weiteren mit der Fähigkeit beschäftigen, die Verhältnismäßigkeit der Dinge zu erfassen – mit den daraus resultierenden Möglichkeiten wie mit den natürlichen Grenzen. Wir werden uns dafür mit unserer biologischen Natur, mit unseren Vorfahren vor zehn Millionen Jahren, mit der Funktionsweise unseres Gehirns und unserer Körperchemie vertraut machen. Aber zuerst einmal werden wir uns mit dem großen Gegenspieler des ästhetischen Empfindens auseinandersetzen, der Kosten-Nutzen-Kalkulation.


 

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